2007: Der Anfang

Eine Idee und was daraus wurde

Rund 15 Vereinsmitglieder des Postkult e.V. waren am ersten Projekt aktiv beteiligt, haben die alte Post im Giebichensteinviertel Halles in eine Diskussionsplattform, Bühne, einen Ausstellungsraum, und zuweilen auch in eine gemütliche Bar verwandelt. Es wurde gehämmert und gebohrt, mit viel Lampenfieber wurden die diversen Veranstaltungen vorbereitet, und nach dem erlösenden Applaus hatten wir gerade noch Zeit, Luft zu holen um uns für den nächsten Tag und eine neue Veranstaltung vorzubereiten.

Doch angefangen hat alles mit der Idee einer Ausstellung Ende des Jahres 2006. Die passenden Räumlichkeiten waren schnell gefunden, jedoch weniger schnell erfolgreich angemietet. Neben der Sorge um das alte Postamt, schwirrten aber auch immer mehr Ideen in unseren Köpfen herum, die wir schließlich in einem zweiwöchigen interkulturell geprägten Programm vereinigten. Während der nächsten sechs Monate planten wir voller Tatendrang, machten durch Werbeaktionen auf uns und unseren Verein aufmerksam, und gingen auf eine erfolgreiche Sponsorensuche.

Die zwei Wochen im Juni vergingen wie im Fluge. Und uns, den Vereinsmitgliedern, ist nun völlig klar, dass wir weiterhin Projekte in Halle durchführen und so die Kulturlandschaft bereichern wollen. Die positive Resonanz der Bewohner des Viertels und all unserer Gäste hat gezeigt, dass hier Platz ist für so eine internationale Gruppe wie uns, die am Anfang „einfach mal was machen“ wollte. Wir wollen auch in Zukunft weitere Projekte durchführen und nach einer Planungsphase werden wir auch bald wieder ein Objekt „bespielen“ und nutzbar machen (mehr dazu: MOSAIC im Juni’08). Aber vorher soll uns ersteinmal noch ein genauerer Rückblick gestattet sein…

Postkultige Werbeaktionen

Um so viele Menschen wie möglich mit geringen Mitteln auf uns aufmerksam zu machen, setzten wir maßgeblich auf „körperliche Arbeit“. Diese personalisierten Darstellungen von Postkult fanden auf Halles Marktplatz genauso viel Aufmerksamkeit wie auf dem Uniplatz. Zudem gab es einen Kuchenbasar, Plakate, Flyer und natürlich die legendären Postkult-Buttons.

Zwei Wochen im Juni

15. Juni – Vernissage

Am Freitag öffnete Postkult seine Pforten. Die Eröffnung der 14-tägigen Ausstellung begann um 19.00 Uhr. Dem Besucher bot sich ganz unterschiedliche Angebote: Sabatino Cersosimo, ein junger Künstler aus Turin, präsentierte erstmals seine Werke zum Thema „Gesichter“ (Abb.) und zwei Studenten aus Paris und Halle, Florian Couret und Martin Krause, zeigten Fotografien zum Thema „verlassen“. Mit dabei waren auch Sarah Rüger und Sören Tiemann.

Abgerundet wurde das Programm durch die Musik des Deutsch-Polen Jonathan Bayer aus Berlin und die Präsentation von Kurzfilmen des jungen Italieners Roberto Cuzzilo.
Die Fotoausstellung ist ein Versuch, unterschiedliche Herangehensweisen an das Thema „Verlassenheit“ zu zeigen und die Schönheit und Alltäglichkeit von verlassen Dingen, Orten und Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung zu rücken.

Das ehemalige Postamt


Video von Sabatino Cersosimo (Turin)

16. Juni – Postkult wird laut!

Das Konzert zum Auftakt einer postkultigen Zeit versprach Rockmusik pur und hat dies auch gehalten. Den Anfang machten Restlezz aus Zwickau, dann spielten Ears in the Ashtray aus Braunschweig und zeigten uns wie man das Wasser von den Wänden des Postamtes runterlaufen lässt. Und schließlich rockten die Hallenser Cocoon Fire (ehemals Without Practice) auf der Bühne. Die thematisch dazu passende Indie-Tanzveranstaltung im Dinner For One, mit dem wir nicht nur an diesem Abend kooperierten, war gut besucht und so klang der Abend dort aus. 100 Leute haben das Konzert miterlebt, was für die frühe Anfangszeit, nämlich 19 Uhr, durchaus beachtlich war.

17. Juni – Postkultiger Brunch

Der Brunch am Sonntagvormittag diente als eine gute Gelegenheit, die Poskultler in einer entspannten Atmosphäre kennen zu lernen. Es gab ein reichhaltiges Frühstücksangebot mit Obstsalat, Joghurt, Müslivariationen, Brötchen und Baguette, Käse und Wurst, Kuchen und sonstigen Köstlichkeiten. Diese wurden von allen mitgebracht und so ging das Konzept voll und ganz auf. 30 Postkultler und Interessierte versammelten sich in der RhabaBar, oder davor, um gemeinsam zu frühstücken und die letzten zwei Tage auszuwerten.

17. Juni – Bewegte Bilder!

Ab 19.30 Uhr zeigte Postkult europäische Kurzfilme und ab 20 Uhr den Dogma-Film Die Idioten von Lars von Trier.
VonTrier wirft in Die Idioten die Frage nach einem freien, glücklichen Leben in einer scheinbar toleranten Gesellschaft auf, in der die Menschen trotz eines immer größeren materiellen Reichtums nicht glücklich sind.

Gedreht unter Beachtung der Regeln der Dogma 95-Gruppe, fängt Lars von Trier das Treiben einer Gruppe Erwachsener ein, die sich als Behinderte ausgeben und die Konfrontation mit der bürgerlichen Gesellschaft suchen. Diese Menschen versuchen etwas Neues zu schaffen, doch kommt es zu Problemen unter ihnen, das Idiotenleben konsequent und radikal auszuführen und sogar zu leben. Durch das Filmen mit einer Handkamera und ohne Nebeneffekte ist der Zuschauer sehr nah an der Wirklichkeit der Idioten, was unter die Haut geht. Mit einer Priese Humor bricht von Trier Tabus und stimmt den Zuschauer nachdenklich.

18. Juni – Postkult trifft Lyrik: „Postskriptum“

Am Montag erhielten wir Luftpost: Fünf Lyriker aus Halle lasen aus freien Stücken. In gemütlicher Runde konnte ab 19 Uhr ihren Gedichten, Gedanken, Gefühlen gelauscht werden. Manchmal streng in ihrer Struktur und exzellent intoniert wie bei Michael Spyra, manchmal fragmentarisch – frei wie bei Lorenz Bethmann. Juliane Lieber trägt lyrische Kurzprosa vor und Jonathan Falk besticht mit rhythmischer Vokallyrik, die an Rap erinnert. Schriftsteller Christian Kreis formuliert sprachspielerische Kunstwerke, die sehr unterhaltsam sind.

Das Publikum ließ sich mitreißen zu einen Ausflug in die lyrischen Welten dieser fünf sehr verschiedenen, aber begeisterten und begeisternden Poeten, die die moderne Lyrik verbindet. Untermalt wurde der Abend vom Blue Bossa Gitarrenduo, die mit ihren jazzigen Rhythmen ganz ohne Worte an unsere Sinne appellierten.

20. Juni – Diskussion „Hier Ghetto, da Banlieue“

Die Unruhen in den französischen Vorstädten im Oktober 2005 haben durch ihre Heftigkeit erschreckt und stellen das viel beschworene französische Integrationsmodell in Frage. Auf der anderen Rheinseite fragt man sich, ob es in den deutschen Sozialvierteln zu einer vergleichbaren Explosion kommen könnte. Ab 19.30 Uhr wollte Postkult Fragen, wie den Ursachen für eine derartige Entwicklung sowie die der Parallelen und Unterschiede, auf den Grund gehen. Zudem sollte das kreative Potenzial der Vorstädte thematisiert werden. Unterschiedlichste Gäste waren geladen und das gut gefüllte Publikum erwartete eine kontroverse Diskussion.

Es diskutierten:

  • Marcus Syring, Chef der Jungen Liberalen der Stadt Halle
  • Margit Sachtlebe, Mitarbeiterin des Referates für Stadtplanung und -entwicklung der Stadt Halle
  • Mickael Daudin, Student der Interkult. Europa- und Amerika-Studien an der MLU Halle, Schwerp. Politikwissenschaft
  • Karl Brummer, Soziologie-Student an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
  • Christian Bayer, Schauspieler am Thalia-Theater, u.a. in Opferpop von Mirko Borscht
  • Berit Schuck, Projektleiterin des Thalia Theaters

Die Moderation der Diskussion hat Dr. Gesine Müller, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Romanistik der MLU, übernommen.

21. Juni – Postkult meets Fête de la musique

Zum ersten Mal fand die französische Fête de la Musique in Halle statt. Dieses Fest ist in Frankreich für alle Einwohner ein großes Ereignis. Dabei nehmen Zuhörer und Musiker die ganze Nacht auf den Straßen aller großen Städte in einer gemütlichen und herzlichen Stimmung daran teil. Deshalb trafen auch wir uns am 21. Juni um 15.30 Uhr auf dem Uniplatz, wo der Umzug quer durch Halle startete. Mit dabei war nicht nur eine Samba-Gruppe und ein Bläser-Trio, sondern auch der Musikverein Halle-Neustadt. Alle waren eingeladen mit oder ohne Instrument mitzulaufen und die Musik zu zelebrieren. Unser Motto lautete: Musik ist Weltsprache und verbindet alle Menschen! Zudem machte eine engagierte Studentenvertretung der MLU auf die dortigen akuten Missstände aufmerksam.

Danach ging’s musikalisch auch im Postamt weiter. Währenddessen wurde ein kleines Boule-Turnier mit Unterstützung vom Bamboule e.V. ausgetragen. Im Amt waren mit dabei: FeetzKapelje, Freaks of Organic Beats, Timm und der ein oder andere spontane Auftritt! Eine spannende Mischung mit experimentellen Einflüssen. Die Bühne war natürlich getreu der Idee der Fête für jeden offen!

22. Juni – Premiere: deutsch-französisches Theater

Die französische Theatergruppe der Martin-Luther Universität zeigte ihr eigens für Postkult einstudiertes Stück Histoire d’Hommes von Xavier Durringer. Auch die zweite Vorstellung am folgenden Dienstag war ein voller Erfolg, kein Platz blieb leer.

23. Juni – Giornata Italiana

Ist Italien nur „das Land, wo die Zitronen blühen?“ Und kennt man Italien richtig? Am 23. Juni wollten wir verschiedene Aspekte der italienischen Kultur vorstellen. Es wurde gekocht und gezeigt, wie man eine richtige italienische Pasta vorbereiten kann. Später, genauso wie in Italien, konnte man einen Aperitif trinken und inzwischen Lesungen und das Konzert der italienischen Band Ame, aus Neapel hören. Auch italienische Kurzfilme und Bilder waren ein Teil des Programms. Nach dem Konzert hat die Discoteca Labirinto bewiesen, dass gute italienische Musik nicht nur Eros Ramazzotti, Tiziano Ferro und Laura Pausini ist!

24. Juni Bergfest – angewandte Familienpolitik

Im Mittelpunkt unseres Bergfestes, an dem leider mehr als die Hälfte des Kults um die Post schon vorbei war, stand angewandte Familienpolitik in Form eines kleinen Kinderfestes. Im Sinne unseres allgemeinen Zieles, das Viertel kulturell zu bereichern, sollte an diesem Tag so richtig Leben in den Park gegenüber der Post einziehen. Und wer eignet sich dazu besser, als Kinder, denn die sind ja bekanntlich dazu da, um erfrischenden Lärm zu machen.

Unser Lärm war ausgelassen, unbeschwert, kreativ und aktiv, und dazu sollte es auch noch Spaß machen. Während die Kinder beim Basteln, Filzen und Straßenmalen ihrer Kreativität freien Lauf lassen konnten, konnte sich beim Fußballturnier oder der Wasserballonschlacht so richtig ausgetobt werden. Doch auch Geschicklichkeit und Teamfähigkeit waren bei unseren anderen Aktionen (Spieleolympiade, Gaukler) gefragt.

Wir freuten uns vor allem über die Zusammenarbeit mit dem Kinderschutzbund Halle, sowie dem Cafe Bio Hope, das die Gäste mit Kaffee und Kuchen versorgt hat.

25. Juni – BABEL meets Postkult

BABEL lässt die Sprachen sprechen und lädt dazu ein, sich über Poesie und Literatur auf WeltSprachreisen zu begeben.

Der BABEL-Abend begann mit einer Autorenlesung: Pedro Kadivar aus Berlin hat Fragmente aus seinem literarischen Schaffen in französischer und deutscher Sprache vorgestellt. Postkult hat danach zum Gespräch mit dem Autor geladen.

Teil zwei des Abends bot eine bunte lyrische Mischung. BABEL füllt das leere Postamt mit Wortwirrwarr und Satzspinnerei, öffnet seine Tore für eine freie Welt der Sprachenvielfalt und des Versetauschens. Junge Leserinnen und Leser stellen ausgewählte Gedichte in ihren Originalsprachen vor – von Ungarisch bis Urdu, von Spanisch bis Japanisch – und lassen das Nichtverstehbare durch Übersetzungen und Kommentare verständlich babbeln. Wer die Vielfalt von BABEL mit eigenen Lieblingsgedichten bereichern wollte, war dazu herzlich eingeladen.

27. Juni – Kotspult

Hinter diesem postkultigen Wortspiel verbirgt sich ein Abend im Sinne der Redefreiheit. Jeder konnte vorbeikommen und sich öffentlich über Gott und die Welt äußern. Es gab allerdings auch schon einige feststehende Programminhalte. So spielten u.a. Stabile Saitenlage und Vokalmatador. Es gab auch einen Kurzfilm über Halle zu sehen. Aus Weimar konnten wir Drift als Gast begrüßen, einen Songwriter mit wunderbar emotionalen Melodien und Texten. Danach war die Bühne frei und wir lauschten so manchen Liedermacherliedern, einem wunderbaren Märchen und einer besonderen Akkordeon-Darbietung. Ein Kleinkunstabend mit Postkult-Charme!

28. Juni – Improvisationsabend

Wenn Du und der Nachbar schöpferisch tätig seid,
braucht man nicht weit zu reisen, nicht weit zu gehen,
denn das Paradies ist um die Ecke.
(Friedensreich Hundertwasser)

Dieser Abend stand ganz unter dem Zeichen der Inspiration, der Spontaneität und der Kreation.

Es traten an: Rationalität und verneinender Intellekt gegen Phantasie und Unbewusstes. Den „Best-Of Impro-Abend“ bestreitete ein Mix von ImprospielerInnen aus der Halle-Szene „Irrländer“ und „Nautilospiloten“. Eine Zusammenstellung der besten ImprospielerInnen mit ihren besten Spielen stellt sich dem besten Publikum, das den Abend lenkte und immer wieder blitzschnell entschied, was passierte.

Katrin Rux, Juliane Nitschke und Mirko Steffen lernten sich bei den „Nautilospiloten“ kennen, sind dort aber nicht mehr aktiv, und momentan pausiert auch die Gruppe. Anne ist nach wie vor aktive „Irrländer“-Spielerin.

29.Juni – KULTSCHLUSS

Die Ska-Band Cumshot aus Braunschweig hat uns am letzten Tag bei der Finissage noch mal kräftig eingeheizt!

Cumshot – das sind Axel/Eisenvater (Gitarre), Billy (Bass), Buddy (Vox), Heiko (Drums), Matze (Vox), Martin (Sax) und Morla (Keys). Aus Buddys und Matzes Köpfen stammen die treffend formulierten Texte, die politkritisch sind und für Frieden und Gerechtigkeit plädieren. Bei Cumshot sind dies aber keine künstlerischen Illusionen, sondern pures Lebensgefühl, das sie mit starken off-beat Klängen versprühen. Ihre Musik reißt jeden hoch, man tanzt Energie geladen mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht – du bist erfüllt vom Rausch des Ska, Punk, Reggae-Gemischs! Dabei geben sie ihre Konzerte mittlerweile deutschlandweit und trafen auf einige Größen der Ska-Szene: Sie spielten u. a. mit The Toasters (USA), Karamelo Santo (Argentinien), Spitfire (Russland) und The Real McKenzies (Kanada) in den Clubs, Hallen und auf den Open Airs der Republik. Am 29. spielte die Band das erste Mal live in Halle und brachte auch noch eine weitere Band zum Support aus Hildesheim mit: Ska`n`Pipes sorgten schon vorher für eine ausgelassene Stimmung. 100 Gäste konnten sich schon mal warm tanzen!

Die RhabaBar

Die RhabaBar befindet sich direkt neben de Postamt. Während dort die allabendlichen Veranstaltungen stattfanden, konnte man in die RhabaBar auch mal am Nachmittag einkehren um einen Kaffee oder eine Limonade zu trinken. Die Einrichtung stammt von netten Spendern und Leihgebern. So wurde der ehemals triste Raum in eine gemütliche Bar verwandelt. An vielen Abenden hat es sich durchaus problematisch gestaltet, die letzten Gäste um Gehen zu bewegen.

Der Auszug

Mit gemischten Gefühlen verbrachten wir die Tage nach dem Kult. Alles musste raus. Die Ausstellung wurde ein letztes Mal abgebaut und verstaut; der angemietete Baumstromverteiler wurde letztendlich wieder demontiert und das Wasser abgestellt. Zurück blieb ein großer Haufen Sperrmüll und etwas traurige Postkultler. Der ein oder andere hat sich im Postamt schon wie zu Hause gefühlt, dort wo man jeden Tag der letzten zwei Wochen zusammen was erschaffen hat. Aber wenigstens lebt die postkultige Bar weiter, und zwar im Triftpunkt e.V. gegenüber im Wächterhaus. Dieses gehört zu einem Verein: Haushalten e.V., der sich auch für die Nutzung von sonst leerstehenden Altbauten in Halle einsetzt. Zudem ist ja da auch immer der Gedanke an das nächste Projekt, der uns wieder neue Kraft schöpfen lässt.

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